Was soll das ganze Theater?
8. November 2011 von Gast
von Gastautor Mr. Moe
Deutsche Journalisten sind in heller Aufregung: Der Iran entwickelt offenbar tatsächlich Nuklearwaffen – und Israel droht prompt mit einem Militärschlag! Ja, sind die Juden denn verrückt geworden? Haben ihnen ihre Kriege gegen Hisbollah und Hamas nicht gereicht? Sind sie nicht genug damit beschäftigt, gegen türkische Friedensaktivisten vorzugehen und die Palästinenser mit Hausbau für deren Aufnahme in die UNESCO zu strafen? Oder wird es ihnen auf Dauer schlicht zu langweilig, sich durch gezielte Tötungen an praktizierenden Israelkritikern zu rächen?
Nun verfügt der deutsche Journalismus über ein ganzes Arsenal von Fachleuten für Fragen dieser Art. Doch wer könnte hierfür besser geeignet sein als Peter Münch, Nahostkorrespondent der für ihre sachkundige und ausgewogene Israelberichterstattung allseits geschätzten Süddeutschen Zeitung?
Mit beneidenswerter Klarheit verdeutlicht Münch bereits in der Überschrift, worum es geht: um ein von Israel heraufbeschworenes „Horrorszenario“. Denn während Nuklearwaffen in den Händen von Islamisten keinesfalls ein größeres Problem für die ganze Welt darstellten, hätte ein israelischer Militärschlag gegen das iranische Atomwaffenprogramm dramatische Folgen. Warum um alles in der Welt, fragt Münch, lassen sich die „Protagonisten in Jerusalem“ dann überhaupt auf dieses „hochgefährliche Spiel“ ein?
Zur Klärung dieser Frage zieht Münch die Analogie des Theaters heran. Die Welt schaue demnach „wieder einmal gebannt auf die nahöstliche Bühne“, auf der sich ihr ein „Schurkenstück mit Pauken und Raketen“ darböte. Israel ränge dort mit dem Iran und wir befänden uns „ungefähr in der Mitte des Dramas“. Lobend hebt Münch den israelischen Präsidenten Schimon Peres hervor, der den „altehrwürdigen Weisen“ und „seine Friedwertigkeit“ durchaus überzeugend spielte. Doch gerade deshalb erschauderte das Publikum nun beim Gedanken daran, dass es sich beim fröhlichen Schauspiel womöglich doch um eines „auf Leben und Tod“ handeln könnte.
Doch Münch kann das deutsche Publikum beruhigen: „unmittelbare Kriegsgefahr“ drohe nicht – „trotz der harschen Worte“ Israels. Vielmehr sei das alles „im Rahmen der Regeln dieses Spiels“. Beunruhigend sei lediglich, dass die Juden, anders als Amerikaner oder Europäer, schlichtweg nicht in der Lage seien, die iranische Bombe als „abstrakte“ Gefahr zu begreifen:
Ein Volk, dessen kollektives Bewusstsein von der Verfolgung bis hin zum Holocaust geprägt ist, kann gar nicht anders, als die Vernichtungstiraden des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad wörtlich zu nehmen.
Doch zum Glück gibt es ja Völker, deren Urteilsvermögen nicht durch die fortlaufenden Bemühungen ihrer Vernichtung getrübt ist, und die entsprechend wissen, dass angekündigter und tatsächlich vollzogener Judenmord zwei gänzlich unterschiedliche Paar Schuhe sind. Und immerhin wüsste Israel ja selbst, dass das drohende „Horrorszenario“ jüdischer Selbstverteidigung nur „begrenzte Erfolgsaussichten“ besäße, zugleich aber „weitreichende Folgen“ hätte. Insbesondere wäre dies „Krieg“, der den gesamten für harmonisches Miteinander bekannten Nahen Osten „in den Abgrund reißen könnte“.
Israel versuche mit der militärischen Drohung daher lediglich, wirkungsvolle Sanktionen zu erreichen, „denen sich nun endlich auch Russland und China anschließen müssten“. Da der deutsche Handel mit Iran bekanntlich vollständig eingestellt ist und Vertretern des Regimes keinerlei Legitimität zugestanden wird, liegt der Ball nun folgerichtig irgendwo in der sibirischen Tundra oder im chinesischen Hochland. Bis auf weiteres, so verkündet Münch, gelte jedenfalls die „alte Regel“: „Je lauter es aus Jerusalem tönt, desto unwahrscheinlicher ist ein Angriff“.
Deutsche Theaterfreunde können also aufatmen: So lange die jüdischen Hunde nur bellen wird das Stück bis zum finalen Akt seinen geordneten Gang gehen.
Veröffentlichung in suedwatch.de mit freundlicher Genehmigung des Autors; Quelle:
http://spiritofentebbe.wordpress.com/2011/11/07/was-soll-das-ganze-theater/
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