• Home
  • Geleitwort
  • Nutzungsbedingungen & Impressum

suedwatch.de

Der unabhängige Watchblog zur Süddeutschen

Feeds
Artikel
Kommentare

“Das elend jammerig und trostlos Volk der Juden”

29. September 2011 von moritatensaenger

“Das elend jammerig und trostlos Volk der Juden” ist an allem schuld. Das hat man schon 1247 erkannt, als ihnen die Verantwortung für “ein erbärmlich kläglich Pestilenz” nachgewiesen wurde, die drei Jahre lang auf der ganzen Welt gewütet haben soll. Nebst Heuschrecken und Gewürm, die selbstverständlich auch durch die Schuld der Juden kamen. Zu lesen ist dergleichen ausnahmsweise nicht in der SZ, sondern in der Schedelschen Weltchronik, Blatt 231 [1] :

unbenannt11

Hartmann Schedel, der Verfasser, ist seit 1514 tot, aber der Jud trägt noch immer an allem Schuld. Das zumindest vermittelt heutzutage beständig und mit getriebenem Fleiße die Süddeutsche Zeitung. Ganz aktuell in diesem Artikel [2]:

neu-17

Wir lassen uns das auf der Zunge zergehen:

Israel [!] habe inmitten [!] internationaler Friedensbemühungen um eine Wiederbelebung des Friedensprozesses den Bau von 1100 Wohnungen in besetztem [!] Gebiet (alternativ: im Westjordanland) beschlossen. Das stoße auf Kritik bei den Palästinensern [!] und Israels Verbündeten [!]!

So so. Nachdem also die Palästinenser seit Jahren - mit kurzer Unterbrechung 2010 - jede direkte, vorbedingungslose Verhandlung mit den Israelis ablehnen; nachdem sie stattdessen gerade in einem provokativen Alleingang an Israel vorbei versucht haben, eine Aufnahme als Staat bei den Vereinten Nationen zu erreichen; nachdem letztere Bemühungen kläglich scheiterten und das Nahostquartett zu erneuten, vorbedingungslosen Verhandlungen rief, was die Palästinenser erneut ablehnten; nach all dem also ist nun ein Schuldiger gefunden, an dem die “Friedensbemühungen” zu scheitern drohen, in deren Mitte man sich angeblich befindet.

Die Pest, wir wissen das jetzt, kam aus ähnlichem Grund über die Menschheit. Der Schuldige war der gleiche. Und Teile der Menschheit haben sich in ihrer Moral und ihren Ressentiments seit den Zeiten der Schedelschen Weltchronik nicht geändert. Wiewohl heute Fakten bekannt sind, die differenziertere Betrachtungsweisen der “Schuld” des Juden zuließen. Wenn man sie denn wahrnehmen wollte.

Zumindest diskussionswürdiger Fakt könnte z.B. sein, dass Gilo mitnichten eine Siedlung, ein Settlement, ist, wie die Süddeutsche wahrheitswidrig behauptet, sondern eine Neighborhood [3], die seit ihrer Gründung, 1973, Teil Jerusalems ist. Als Neighborhood bezeichnet man sich im Übrigen dort auch selbst (ohne das allerdings von der SZ autorisiert haben zu lassen). In schmal budgetierten Medien mit ebenso eingeschränkt recherchierfähigen Mitarbeitern wird die mit Gilo bezeichnete 40.000 Einwohner-Neighborhood Jerusalems [3] gern auch mal mit dem - echten - 500 Einwohner-Settlement Har Gilo [4] verwechselt, die beide Luftlinie nur etwa 2 km voneinander entfernt liegen:

neu-22(Grafik: Moritatensaenger, Basis: Google-Maps)

Auch auf Karten der CIA, die die Position der Siedlungen in der West Bank zeigen, ist als Settlement, als Siedlung, ausschließlich Har Gilo verzeichnet (hier eine Karte aus dem Jahr 1983 [6], erstellt 10 Jahre nach Gründung der Neighborhood Gilo):

neu-32(Hervorhebungen auf der Grafik: Moritatensaenger)

Gilo selbst also, das kann man mit ziemlicher Sicherheit sagen, gilt heute und galt auch in der jüngeren Vergangenheit nie als Siedlung.

Ebenso interessant dürfte sein, dass die Behauptung, Gilo liege offiziell im Westjordanland und nicht in Jerusalem…

“..hat Israel den Bau von 1100 Wohnungen im Westjordanland beschlossen. Die Entscheidung zum Ausbau der Siedlung in Gilo, die Israel als Teil seiner Hauptstadt Jerusalem sieht..” (Hervorhebungen: Moritatensaenger)

…sogar durch UN-eigenes Kartenmaterial widerlegt wird [9]. Es wird auch dort nämlich als Wohngebiet innerhalb der Stadtgrenzen Jerusalems markiert…

neu-41(Hervorhebungen auf der Grafik: Moritatensaenger)

…und ist somit auch offiziell nicht Teil des Westjordanlandes und, ebenfalls darauf erkennbar, nicht Teil Ost-, sondern Süd-Jerusalems (..um eine weitere, ständig wiederholte Behauptung zu entkräften). Wohlgemerkt sieht das gemäß vorliegendem Dokument nicht nur - wie behauptet - Israel so, sondern eben auch die UN.

Zumindest diskussionswürdiger Fakt könnte auch sein, dass nach Darstellung vieler Quellen das Land, auf dem die Neighborhood Gilo errichtet ist, schon vor der israelischen Unabhängigkeit 1948, von Juden käuflich erworbenes Land war [5]. Bezahlt und im Eigentum eines Kreises junger jüdischer Anwälte, darunter der spätere israelische Minister und Militärgouverneur Jerusalems, Dov Yosef [7]. Nach dem Überfall der Araber (1948) von Jordanien annektiert, blieb das in privater Hand befindliche Gebiet des heutigen Gilo von 1949 bis 1967 besetzt und wurde nach dem Ende des Israel aufgezwungenen Sechstagekrieges von Israel an seine rechtmäßigen Besitzer zurück gegeben. Letzteres eine Tatsache, die in der Süddeutschen ausschnitthaft, verdrehend und - wohl bewusst - zuungunsten Israels dargestellt wird:

“Israel hatte das Gebiet im Sechstagekrieg 1967 erobert und später annektiert.”

Richtig ist:

Jordanien hat das Gebiet zuerst in einem Angriffskrieg erobert und annektiert. Für beinahe 20 Jahre. Die Neighborhood Gilo aber gründet auf von Juden vor 1948 rechtmäßig erworbenem Boden. Privater Besitz durfte nach Art. 46 der Internationalen Übereinkunft betreffend die Gesetze und Gebräuche des Landkriegs (HLKO) [8] von Jordanien nicht eingezogen werden, was das Eigentumsrecht am Boden von Gilo von der Annektion unberührt ließ.

Diskussionswürdiger Fakt könnte weiter sein, dass es nicht Israel war, das den Bau der 1100 Wohneinheiten beschlossen hat. Auch wenn die Süddeutsche das so behauptet:

“..hat Israel inmitten der internationalen Bemühungen um eine Wiederbelebung des Friedensprozesses den Bau von 1100 neuen Wohnungen im Westjordanland beschlossen..” (Hervorhebungen Moritatensaenger)

Im Gegensatz zu jener Traumwelt, in der die linken Ideologen der SZ leben, handelt es sich bei Israel um einen ziemlich realen demokratischen Rechtsstaat. Und so wie die Bundesrepublik Deutschland unter Führung von Frau Merkel keinen Wohnungsbau in München-Perlach beschließt, beschließt Israel nicht unmittelbar Wohnungsbau in einem Teil Jerusalems. Richtig ist vielmehr, dass das zuständige Jerusalem District Planning Committee der aufsichtsführenden Behörde im Innenministerium [10] das Bauvorhaben zur formalen Prüfung vorgelegt hat, welche Konformität mit geltendem (Bau-)Recht festgestellt hat und den Vorgang unter dieser Prämisse weiterleitete. Mit der Folge, dass jetzt für 60 Tage betroffene Bürger das Recht haben, Einwände gegen die Baumaßnahme vorzubringen [11]. Alles ziemlich bürokratisch, aber auch alles ziemlich rechtsstaatlich. Entgegen dem Eindruck, den die Süddeutsche mit ihrer Berichterstattung bewusst oder unbewusst hervorruft, ist festzustellen:

Der Beschluss des Bauvorhabens im Jerusalemer Stadtteil Gilo ist kein Willkürakt - ja noch nichtmal eine Entscheidung - der Regierung Israels, sondern Teil eines nach den bindenden Vorgaben geltenden Rechts vollzogener Verwaltungsakt.

Rechtssicherheit - und unter diesen Begriff fällt die Vorgehensweise um die Genehmigung des Bauvorhabens in Jerusalem - ist ein wichtiger Teil der Verfassung von Rechtsstaaten. Auch in der Bundesrepublik Deutschland, wo nicht anders als in Israel verfahren worden wäre, und dort im Grundgesetz unter Artikel 20 garantiert [12].

Zu guter Letzt wäre noch der Begriff der “Besetzung” und das im Nahostkonflikt zu Lasten Israels gängige Urteil darüber einer Diskussion würdig, die der Moritatensaenger aber aus Zeitgründen auf einen künftigen Beitrag verschieben muss. Als Lektüre seien dem geneigten Leser einstweilen die “Ausgewählten Schriften des Stephen Myron Schwebel” ans Herz gelegt [13]. Der ehemalige Richter und Präsident [14] des Internationalen Gerichtshofes [15] in Den Haag hat einige interessante Betrachtungsweisen dazu - und zu anderen Bereichen des Nahost-Konfliktes - vorzubringen. Folgt man diesen, relativiert sich plötzlich die Schuld des Juden in entscheidenden Punkten. Aber was können fundierte Argumente und kritisches Hinterfragen schon an jahrhundertealten Ressentiments ändern. Und was an der einschlägig tendenziösen Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung. Für die bleibt es beim elend jamerig und trostlos Volk der Juden.



Mit tönendem Gruß

Ihr Peter Zangerl, alias Moritatensaenger




[1] http://de.wikisource.org/wiki/Die_Schedelsche_Weltchronik_%28deutsch%29:231

[2] http://www.sueddeutsche.de/politik/nahost-konflikt-israel-beschliesst-bau-von-neuen-wohnungen-im-besetztem-gebiet-1.1150749

[3] http://en.wikipedia.org/wiki/Gilo

[4] http://en.wikipedia.org/wiki/Har_Gilo

[5] Achtung: Diese Information stammt ausschließlich aus zwar mehreren, aber letztlich doch nur Sekundärquellen. Etwa:

http://maurice-ostroff.tripod.com/id249.html

[6] http://www.lib.utexas.edu/maps/middle_east_and_asia/wbank_83.jpg

[7] http://en.wikipedia.org/wiki/Dov_Yosef

[8] http://www.admin.ch/ch/d/sr/i5/0.515.111.de.pdf

[9] http://www.ochaopt.org/documents/ocha_opt_planning_crisis_east_jerusalem_april_2009_english.pdf / Seite 5

[10] http://www.mfa.gov.il/MFA/MFAArchive/2000_2009/2001/4/Ministry%20of%20the%20Interior

[11] http://www.israelnationalnews.com/News/News.aspx/148338#.ToJPndTbSYg

[12] http://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_20.html

[13] http://www.2nd-thoughts.org/id248.html

[14] http://en.wikipedia.org/wiki/Stephen_Myron_Schwebel

[15] http://www.icj-cij.org/



Geschrieben in Antisemitismus, Demokratieversztändnis, Halbwahrheiten, Israel/Nahost, Meinungsvorgabe | 6 Kommentare

6 Reaktionen zu ““Das elend jammerig und trostlos Volk der Juden””

  1. am 29 Sep 2011 um 07:161Naomi

    Lieber Südwatchler -

    ich möchte mich endlich mal aufs Allerherzlichste bedanken für deine ausgezeichneten Recherchen in Bezug auf die unsägliche Berichterstattung der SZ über Israel.

    Ich lese schon sehr lange hier in deinem Blog und finde deine Analysen und deine Interpretationen einfach nur überwältigend gut und wirklich sorgfältig recherchiert und überprüft.

    Auch dein Bericht über die Bauvorhaben in Gilo ist wieder hervorragend.
    Merkwürdigerweise hat der Spiegel ja wohl immer noch nicht gemerkt, dass Gilo nicht in Ostjerusalem, sondern im Süden Jerusalems liegt - und bei einer “etwaigen” Teilung eh bei Israel bleiben würde.

    Aber okay - Jerusalem ist KEINE Siedlung und wird auch nicht noch einmal geteilt.

    Schreib und recherchiere weiter so leidenschschaftlich engagiert (und schana tova ) … ;)

    Naomi

  2. am 29 Sep 2011 um 10:312TN

    Dank auch von meiner Seite für die immer lesenswerten und fundierten Artikel.

    Abgesehen von den rechtlichen und politischen Aspekten, die im Falle Israels eigentlich immer verdreht dargestellt werden, muss man sich aber auch einmal fragen, warum ausgerechnet die Linken und ihre Sprachrohre in den Medien so penibel darauf hinweisen wann immer eine bestimmte Bevölkerungsgruppe sich in einer bestimmten Landzone ansiedelt, ganz so, als sei das etwas Verbrecherisches.

    Ist man sich bei der SZ eigentlich nicht bewusst, dass das ständige Lamentieren über echte und imaginierte Siedlungen im Westjordanland letztlich auf die Forderung hinausläuft, dass dieser Landstrich doch bitte ‘judenrein’ zu sein habe, und dass das ‘Frei-von-Juden-Sein’ dieser Gebiete eigentlich der selbstverständliche Status Quo sei? Was hat man nur plötzlich gegen die sonst so proklamierte multikulturelle Vermischung (die übrigens im Rest Israels der Normalzustand ist)? Warum argumentiert man plötzlich auf einer letztlich völkischen Grundlage, wenn man doch ansonsten alles Volkstümelnde verabscheut?

  3. am 29 Sep 2011 um 11:303Jaspis

    Chapeau, lieber Kollege!

    Man kommt aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus, was sorgfältige Recherche hervorzubringen einerseits und tumbe Ideologietreue andererseits totzuschweigen vermögen.

    Herzlichst
    Jaspis

  4. am 29 Sep 2011 um 19:004passagier

    Ein hervorragender Beitrag! Es ist ebenso erstaunlich wie beschämend, dass solche Fakten, die das von leider unzähligen Medien gezeichnete Bild, selbst in seriösen Medien unberücksichtigt bleiben. Daher gebührt dem Suedwatch-Blog eine besondere Anerkennung! Vielen Dank!

    Passagier

  5. am 30 Sep 2011 um 12:005passagier

    “das … gezeichnete Bild klar und deutlich widerlegen” haette es natürlich heissen sollen.

  6. am 02 Okt 2011 um 18:116Stoff für’s Hirn « abseits vom mainstream – heplev

    [...] hat mal wieder ein Beispiel für Verlogenheit und Propaganda aus der Süddeutschen Zeitung in Sachen Nahost – und [...]

  • Über

    Profile
    suedwatch.de
    Der unabhängige Watchblog zur Süddeutschen.
    Er hat 823 Beiträge und 888 Kommentare verfasst.

  • suedwatch.de bei facebook

  • Archive

    • Mai 2013
    • April 2013
    • März 2013
    • Februar 2013
    • Januar 2013
    • Dezember 2012
    • November 2012
    • Oktober 2012
    • September 2012
    • August 2012
    • Juli 2012
    • Juni 2012
    • Mai 2012
    • April 2012
    • März 2012
    • Februar 2012
    • Januar 2012
    • Dezember 2011
    • November 2011
    • Oktober 2011
    • September 2011
    • August 2011
    • Juli 2011
    • Juni 2011
    • Mai 2011
    • April 2011
    • März 2011
    • Februar 2011
    • Januar 2011
    • Dezember 2010
    • November 2010
    • Oktober 2010
    • September 2010
    • August 2010
    • Juli 2010
    • Juni 2010
    • Mai 2010
    • April 2010
    • März 2010
    • Februar 2010
    • Januar 2010
    • Dezember 2009
    • November 2009
    • Oktober 2009
    • September 2009
    • August 2009
    • Juli 2009
    • Juni 2009
    • Mai 2009
    • April 2009
    • März 2009
  • Kategorien

    • Adventskalender
    • Antisemitismus
    • Automobil
    • Business
    • Demokratieversztändnis
    • Denk(l)er
    • DeSZinformation
    • Es gibt sie noch, die guten Dinge
    • Es stand -nicht- in der SZ
    • Extremismus
    • Familie
    • Frauen
    • Gastbeitrag
    • Guttenberg-SZyndrom
    • Halbwahrheiten
    • Honduras
    • In eigener Sache
    • Iran
    • Islamismus
    • Israel/Nahost
    • Kurz notiert
    • Meinungsvorgabe
    • NonSZens
    • Prantl-ismus
    • QualitätZSjournalismus
    • Sonstige
    • Sprachverwirrung
    • SZ von Gestern
    • SZ's Küchenratgeber
    • SZ-Falschmeldungen
    • SZ-Kritik Allgemein
    • SZcheinheilig
    • SZchlamperei
    • SZkurril
    • Terrorismus
    • Uncategorized
    • VorBILD
    • WatchShot
    • Zum Schmunzeln
  • Seiten

    • Geleitwort
    • Nutzungsbedingungen & Impressum
  • Links

    • Blogroll

      • - “Castollux”
      • - “Freunde der offenen Gesellschaft”
      • - “heplev abseits vom mainstream”
      • - “Kath.net”
      • - “Mehrfachwelten”
      • - “tw_24″
      • - Frankreich: “GalliaWatch”
      • - Israel: “Blick auf die Welt von Beer Sheva aus”
      • - Israel: “Letters from Rungholt”
      • - Israel: “Medien BackSpin”
      • - Israel: “Spirit of Entebbe”
      • - Klima: “Die kalte Sonne”
      • - Kuba: “Generación Y”
      • - Norwegen: “Norway, Israel and the jews”
      • - Persien: “Arshama3’s Blog - For a free and democratic Iran”
      • - Persien: “Iran Baham Blog”
      • - Schweden: “Sweden Israel and the Jews”
      • - UN-Watch’ “View from Geneva”
  • Meta

    • Anmelden
    • Artikel als RSS
    • Kommentare-RSS
    • WordPress.org

suedwatch.de © 2013 Alle Rechte Vorbehalten.

MistyLook made free by Web Hosting Bluebook
Übersetzung von Fabian Künzel