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In dem am gestrigen Abend vom Moritatensaenger verfassten Artikel mit dem Titel…



“Da hat der Sarrazin wohl zu viel Süddeutsche gelesen.”



…schrieb ich gegen Ende:



“Der zum Abschuss freigegebene Bundesbankökonom scheint wohl doch eher den Tagesspiegel als die Süddeutsche gelesen und verinnerlicht zu haben.”



Und tatsächlich: heute kann man sich auf YouTube den ARD-Schauprozess gegen Sarrazin in der Sendung “Beckmann am Montag” ansehen, und ab Minute 6, Sekunde 50 …






…bestätigt der Verurteilte des Moritatensaengers Ahnung, dass es der Tagesspiegel war, dem er die Kenntnis der New Yorker Forschungsergebnisse entnahm, und nicht die Süddeutsche. ;-)

Aber bitte, sehen Sie sich ruhig die komplette Sendung von Anfang bis zum Ende über alle Teile an, die ich Ihnen nachfolgend gerne einstelle. Sie werden erstaunt sein, wie ernst der öffentlich rechtliche Rundfunk seinen Auftrag (“Die Bürger/innen dürfen vom gebührenfinanzierten Rundfunk einen professionellen Journalismus erwarten, der sorgfältige Recherche, Seriosität, unabhängige Stand- punkte und Fairness beinhaltet.” [1]) und den Pressekodex nimmt:


























Resümee? Hm, vielleicht: Stalin ist tot, die Moskauer Prozesse aber scheinen wieder auferstanden.



Mit tönendem Gruß



Ihr Moritatensaenger



[1] http://www.wdr.de/unternehmen/senderprofil/pdf/gremien/rundfunkrat/resolution/Funktionsauftrag_Papier_2001.pdf
…dort Seite 4, Punkt 6: “Programmauftrag ist Qualitätsauftrag”



Die Macher der Süddeutschen, als eherne Verteidiger der Juden und des Judentums weltbekannt, verschärfen die Empörung über Thilo Sarrazin und seinen Satz von den Juden und deren gemeinsamem Gen. Das klingt dann so:



“Nach seinen Äußerungen zu muslimischen Zuwanderern und dem Erbgut von Juden werden die Rufe nach einer Ablösung von Thilo Sarrazin als Bundesbankvorstand lauter. [...] Ungeachtet der heftigen Kritik an seinen Äußerungen hat Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin am Samstag nachgelegt. Der Welt am Sonntag sagte er, muslimische Migranten integrierten sich überall in Europa schlechter als andere Einwanderer- gruppen. Zudem sprach er davon, dass alle Juden ein bestimmtes Gen teilten. [...] Nach seinen jüngsten Aussagen über Muslime und Juden greift die Bundesregierung Sarrazin scharf an. Der Zentralrat der Juden ist entsetzt: Der Bundesbanker stütze sich mit seinen Behauptungen auf Rassentheorien der Nationalsozialisten. [...] In der Welt am Sonntag hatte er nicht nur erneut muslimische Einwanderer kritisiert. Für Empörung sorgte vor allem seine Äußerung: ‘Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen.’ [...] Andrea Nahles kündigte an, dass sich das Präsidium mit dem Thema auseinandersetzen werde. ‘Seine Auffassungen sind weit abgedriftet von den Werten der Sozialdemokratie und dem Konsens unserer Demokratie’, sagte die SPD-Politikerin und stellte klar: ‘Sarrazins genetische Definition der Juden ist absolut inakzeptabel, unabhängig davon, welche Attribute er ihnen zuschreibt.’ [...] Der Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, hielt Sarrazin in … Rassenwahn vor. [...] Besonders seine Behauptung, alle Juden teilten ein bestimmtes Gen, stieß auf breite Ablehnung und Kritik - die Sarrazin eigenen Angaben zufolge jedoch nicht nachvollziehen kann.” [1]




Dabei kommt es den eigentlich der Wahrhaftigkeit verpflichteten Journalisten in München natürlich nicht in den Sinn, jenen Teil des Die Welt- Interviews umfangreicher zu zitieren, aus dem Sarrazins fatale Äußerung herausseziert wurde. Das holt suedwatch.de deshalb gerne nach:



“Sarrazin: Die Identität eines Volkes oder einer Gesellschaft ist ja nichts Statisches, dennoch gibt es sie. Es gibt eine französische, deutsche, holländische Identität. Wenn es richtig läuft, wachsen Zuwanderer in solche Identitäten hinein, sie lösen sich aber irgendwann in dieser Identität auf, das Bild vom Melting Pot ist ja nicht falsch. Völker ändern im Laufe der Zeit ihr Gesicht, aber sie tun dies aus der kontinuierlichen Fortentwicklung ihrer Identität heraus. Es gibt über mehr als 1000 Jahre ein kulturelles Kontinuum der Entwicklung aus dem westfränkischen Reich in das heutige Frankreich und aus dem ostfränkischen Reich in das heutige Deutschland. Die kulturelle Eigenart der Völker ist keine Legende, sondern bestimmt die Wirklichkeit Europas.

WELT ONLINE: Gibt es auch eine genetische Identität?

Sarrazin: Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden.

WELT ONLINE: Wir haben also andere Gene als die Menschen hier im türkischen Café?

Sarrazin: Sie bringen mich nicht aus der Ruhe. Ich sage meine Dinge. Bis vor wenigen Jahrzehnten spielte Einwanderung für den Genpool der europäischen Bevölkerung nur eine geringe Rolle und vollzog sich überdies sehr langsam. Drei Viertel der Ahnen der heutigen Iren und Briten waren bereits vor 7500 Jahren auf den Britischen Inseln. Es ist nämlich falsch, dass es Einwanderungsbewegungen des Ausmaßes, wie wir sie heute haben, schon immer in Europa gegeben hätte. Seit der Völkerwanderung gab es solche Verschiebungen nicht mehr. In meinem Buch rede ich zudem nicht von Türken oder Arabern, sondern von muslimischen Migranten. Diese integrieren sich überall in Europa deutlich schlechter als andere Gruppen von Migranten. Die Ursachen dafür sind nicht ethnisch, sondern liegen offenbar in der Kultur des Islam. Dies wird besonders deutlich, wenn man die Integrationserfolge von Pakistani und Indern in Großbritannien vergleicht.” [2] (Unterstreichung: Moritatensaenger)




Aber die Jungs und Mädels bei der SZ “vergaßen” nicht nur den Zusammenhang darzustellen, in dem der Satz fiel, es scheint ihnen auch entfallen zu sein, dass sie selbst vor nicht einmal drei Monaten einen Artikel mit folgender Headline veröffentlichten:



abstammung-juden1[3]



Hintergrund des Artikels: Unter Federführung des Direktors Human Genetics Program des zur New York University gehörenden Langone Medical Center [4], Professor Dr. Harry Ostrer [5], hat ein Forscherteam [6] die genetische Verwandtschaft der Juden bestätigt. Zitat Süddeutsche.de:



“Die Genanalyse ergab, dass Aschkenasen, Sepharden und Mizrachim tatsächlich so viele gemeinsame genetische Merkmale aufweisen, dass man sie als eigenständige Gruppe von der übrigen Weltbevölkerung unterscheiden kann.” (Verlinkungen: Moritatensaenger)




Und dazu jetzt nochmal der “eine Grenze überschreitende” Satz von Sarrazin:



“Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen”




Grauenvoll, diese Grenzüberschreitung, finden Sie nicht? Im Ernst: Richtig grauenvoll ist, dass im Unterschied zu den meisten Medien, die wertfrei und neutral über das im angesehenen American Journal of Human Genetics [7] und im Wissenschaftsjournal Nature [8] veröffentlichte Forschungsergebnis berichteten (z.B. der Tagesspiegel [9] oder die New York Times [10]) , der Artikel in der Süddeutschen dem Forschungsergebnis mehr unterstellt, denn bloßen Erkenntnisgewinn über Geschichte, Abstammung und genetische Zusammen- hänge:



“Nirgendwo kann Wissenschaft so politisch und patriotisch sein wie in Israel. Jeder Spatenstich der Archäologen wird dort auch danach beäugt, ob er den Gründungsmythos des Landes bestätigt. [...] Die neuen Erkenntnisse sind nicht nur von historischem Interesse, sondern dienen auch als handfestes politisches Argument. Denn unter anderem aus der Idee der gemeinsamen Abstammung leiten die Nachfahren der vertriebenen Juden das Recht ab, den Staat Israel auf dem Gebiet des ehemaligen Heiligen Landes zu gründen.”




Da haben wir es: Die Forschung als Vehikel zur Durchsetzung kalter politischer Machtinteressen.  Aber so ist er halt, der Jud, …



derewigejud



…. verschlagen, falsch und immer auf den eigenen Vorteil bedacht. Selbst in der Wissenschaft. Naja, zumindest in dem Bild, das die Süddeutsche von den Juden entwirft, weshalb -damit verglichen- die zwar etwas naiv [11] aber belegbar ohne negative Konnotation hingeworfene Bemerkung von Thilo Sarrazin direkt eine Wohltat ist. Der zum Abschuss freigegebene Bundesbankökonom scheint wohl doch eher den Tagesspiegel als die Süddeutsche gelesen und verinnerlicht zu haben.



Ergänzung: Selbstverständlich versucht der Moritatensaenger -und wird es weiter versuchen- Thilo Sarrazins umstrittenes Buch zu erlangen, um sich selbst ein Bild über die angeblich kruden Thesen des Sozialdemokraten zu machen. Bedauerlicherweise nur muss auch ich mich im Buchladen momentan noch mit der Auskunft begnügen: “Leider vergriffen, wir rufen Sie aber an wenn wir die nächste Auflage im Haus haben.”



Mit tönendem Gruß



Ihr Moritatensaenger



[1] http://www.sueddeutsche.de/politik/thilo-sarrazin-alle-sind-empoert-ausser-roland-koch-1.993352

http://www.sueddeutsche.de/politik/bundesregierung-verurteilt-sarrazins-thesen-jede-provokation-hat-ihre-grenzen-1.993476

http://www.sueddeutsche.de/politik/wegen-umstrittener-thesen-spd-will-sarrazin-loswerden-1.993796

[2] http://www.welt.de/regionales/berlin/article9258118/Thilo-Sarrazin-Ich-bin-kein-Rassist.html

[3] http://www.sueddeutsche.de/wissen/genforschung-ahnen-aus-judaea-1.953790

[4] http://en.wikipedia.org/wiki/NYU_Langone_Medical_Center

[5] http://www.med.nyu.edu/contacts/ostreh01.html

[6] -Gil Atzmon, Albert Einstein College of Medicine, Bronx, NY;

http://www.einstein.yu.edu/home/faculty/profile.asp?id=8649

-Li Hao, New York University School of Medicine, New York, NY;

-Itsik Pe’er, Columbia University, New York, NY;

-Christopher Velez, New York University School of Medicine, New York, NY;

-Alexander Pearlman, New York University School of Medicine, New York, NY;

-Pier Francesco Palamara, Columbia University, New York, NY;

-Bernice Morrow, Albert Einstein College of Medicine, Bronx, NY;

-Eitan Friedman, Tel-Aviv University, Tel-Aviv, Israel;

-Carole Oddoux, New York University School of Medicine, New York, NY;

-Edward Burns, Albert Einstein College of Medicine, Bronx, NY;

[7] http://www.cell.com/AJHG/archive/issue?pii=S0002-9297%2810%29X0006-4

[8] http://www.nature.com/nature/journal/v466/n7303/full/nature09103.html

[9] http://www.tagesspiegel.de/wissen/abrahams-kinder/1860976.html

[10] http://www.nytimes.com/2010/06/10/science/10jews.html?_r=1&scp=2&sq=Dr.%20Harry%20Ostrer&st=cse

[11] Natürlich trägt nicht “jeder” Jude ein identifizierbar jüdisches Genmaterial, weshalb sich wohl auch Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, so über Sarrazin aufgeregt hat: Der Funktionär, ein Konvertit, ist erst vor wenigen Jahren zum jüdischen Glauben übergetreten -weshalb ihm wohl entsprechende Gene fehlen- und dürfte sich also durch die von Sarrazin wiedergegebene wissenschaftliche Erkenntnis etwas ausgeschlossen gefühlt haben.



Lockerungsübung, weil wir uns nach den vielen ernsten Artikeln wieder einmal dem schönen Thema (klassische) Automobile zuwenden:

artikel-miura[1]

Das Fahren in einem Lamborghini Miura selbst ist allerdings wahrlich keine Lockerungsübung, wie der Moritatensaenger vor Jahren einmal selbst erleben durfte. Es gibt wohl kaum einen Sportwagen aus dieser Zeit, also den End- sechzigern, der - scharf bewegt - derartige Schweißausbrüche verursacht. Das liegt vor allem am Layout des Wagens, das mit einem - quer (!!) eingebauten - V12 Mittelmotor eine Revolution im Bau von Straßensportwagen einläutete (auf der Rennstrecke hetzten schon die Mittelmotor-Rennwagen Ford GT 40 und die Ferrari P-Typen von Sieg zu Sieg). Die wesentlichen italienischen Konkurrenten aus der Zeit, also der Ferrari 365 GTB/4 (Daytona)

daytona

…die Maserati Ghibli und Indy (von oben nach unten)…

ghibli

indy

…und die mächtigen Iso Grifo mit 7 und 7,4 Liter GM 8-Zylindern…

grifo

…waren alle noch als Frontmotor-Sportwagen konzipiert. Während die sich auf kurvenreichen Straßen sozusagen “analog” in die Windungen der Fahrbahn werfen ließen, je nach Geschwindigkeit mehr oder weniger stark dem Grenz- bereich zuwandernd, kam man im Miura in den - zweifelhaften - Genuß nahezu “digitalen” Kurvenverhaltens: wahnwitziges Tempo und extreme Kurvenge- schwindigkeit…oder ansatzloser Abflug. Grenzbereich: Keiner. Und einem wortgerechten Abflug mehr als nahe kam auch, wer die Höchstgeschwindigkeit von irgendwo zwischen 290 und 300 km/h (Miura SV) versuchte auszuloten. Ab spätestens 230/240 km/h begann die Front des Wagens unangenehm leicht zu werden und ab 260 km/h hob er bei manchen Bodenwellen in der Fahrbahn (oder bei ungünstigen Windverhältnissen) bereits leicht ab.

Wie auch immer, der Lamborghini Miura war des Moritatensaengers Tag- und Nachttraum, seit er ihn als Steppke in dem Krimi “The Italian Job” (deutscher Kopfschüttel-Titel: “Charlie staubt Millionen ab”!!) zu ersten Mal außerhalb seines Autoquartetts sah: Ein oranger Miura mit Rossano Brazzi [2] am Steuer röhrt in den italienischen Alpen eine Passstraße hinauf. Brazzi, die Kippe lässig zwischen den Lippen hängend, mimt den Gangster; über dem Ganzen wispelt der unvergessene Matt Monro [3] sein “On Days Like These” (ebenso wie der Rest der genialen Filmmusik vom damals noch wenig bekannten [4] Quincy Jones komponiert und geschrieben)…

Solche Filme konditionieren für’s Leben. Um so schmerzhafter, wenn sich Dilettanten an dem automobilen Kunstwerk vergreifen. Und wenn die Tages- zeitung des Vertrauens (resp. deren Web-Portal) einen Second-Hand-Artikel auf dem Grabbeltisch zu Sonderkonditionen ersteht. Besagter Artikel auf SZ-Online erschien nämlich mehr oder weniger abgewandelt aber ebenso fehlerstrotzend bereits im Juli auf der Seite von Auto Motor und Sport (für diese Adresse: noch peinlicher; soll aber nicht unsere Baustelle sein) [5]. Autor jedenfalls dort: Stefan Grundhoff, Autorenangabe bei Sueddeutsche.de: Pressebüro Pressinform. Dessen Inhaber: Stefan Grundhoff [6]. Ach ja, und er erschien außerdem noch bei Stern, bei Focus, bei news.de, bei Motorvision und und und!

Aber lassen sie uns die journalistische Qualitätsware der Süddeutschen etwas genauer betrachten. Valentino Balboni, tatsächlich ehemaliger Testfahrer bei Lamborghini, soll sich laut dem Text angeblich erinnern, dass das Auto im Winter 1967 nach St.Moritz an den Schah von Persien, ausgeliefert wurde:

“‘Es war im Winter 1967. Der Schah war hier in Sankt Moritz im Urlaub. Ein Anruf - er wollte seinen neuen Miura unbedingt hier fahren’, erinnert sich Valentino Balboni, ehemaliger Cheftestfahrer von Lamborghini.”

Nun steht dem aber einiges entgegen: Beispielsweise sollte sich Balboni, der 2008 seine 40jährige Betriebszugehörigkeit feierte, kaum an eine Fahrzeug- auslieferung erinnern, die 5 Monate vor dem Termin stattfand, an dem er überhaupt bei Lamborghini anfing zu arbeiten. Erst am 21.April 1968 nämlich trat er dort seine Lehre an.

Trotzdem ist es möglich, dass sich Balboni an die Auslieferung des Miura erinnert, denn die fand nicht wie von Grundhoff kolportiert 1967, sondern vier Jahre später, im Winter 1971 statt. Der spätere Auslieferungstermin wird bei näherer Betrachtung des Fahrzeugs klar. Es handelt sich hier nämlich mitnichten um einen “serienmäßigen” Miura, wie Balboni (unwahrscheinlicherweise) laut Stefan Grundhoff behauptet haben soll:

“Schah Mohammad Reza Pahlavi hatte bei Firmenchef Ferruccio Lamborghini persönlich eine Einzelanfertigung des neuen Miura bestellt. Außen tief dunkelrot und innen mit weißem Leder ausgeschlagen. ‘Sonst ist der Wagen serienmäßig’, erklärt Balboni mit einem Lächeln, ‘es gab sonst keine Extras bei dem Wagen - nur die Klimaanlage.’”

Richtig ist vielmehr, dass der im Artikel beschriebene burgunderrote Miura mit Chassis #4934 das Werk als erster Wagen der Handvoll bekannter Werks- sonderanfertigungen vom Typ Miura SVJ verließ (Ferruccio Lamborghini persönlich ließ dazu eine bereits für einen anderen Kunden bei Bertone in der Fertigung befindliche - blaue - Karosserie vom Band holen und für den König aufbauen). Wie das? Nun, sein Hoheit Mohammad Reza Schah Pahlavi besaß bereits einen Miura SV, und zwar diesen nachtblauen Wagen mit Chassis #4870….

miura-4870

…, der ihm erst kurz zuvor, im Juli 1971, ausgeliefert worden war. Bereits dieser Wagen war für seinen adeligen Käufer mit zahlreichen, von der “Serien”produk- tion abweichenden, leistungssteigernden Details versehen worden, so dass sich z.B. das Drehmoment des Motors von den normalen 40,7 mkg bei 5750 Rpm (399 Nm) auf 47,6 mkg bei 5750 Rpm (entspricht 467 Nm) erhöhte. Erreicht wurde dies mit Teilen, die der (Ersatz-)Teilekiste des Lamborghini Jota entnommen wurden. Womit wir bei dem nächsten Stichwort angelangt wären, das uns zu der Erkenntnis führt, dass der Miura aus dem SZ-(undundund)- Artikel entgegen der dortigen Behauptungen weder 1967 ausgeliefert worden sein konnte, noch dass er bei Auslieferung “serienmäßig” war.

Im Laufe des Jahres 1970 nämlich war in Sant’Agata Bolognese, der Heimat der Lamborghini, unter den Händen von Testfahrer und Ingenieur Bob Wallace ein Über-Miura entstanden, der Lamborghini P400 Jota:

jotajota-chassis

Ferruccio Lamborghini hatte zwar nie vor, sich mit seinen Wagen im Rennsport zu engagieren, aber er ließ Bob Wallace trotzdem freie Hand in der Entwicklung und Fertigung eines rennsporttauglichen Prototypen, eben des Jota. Mit den “normalen” Miura hatte der Jota nicht mehr viel gemein, seine Technik war kompromisslos auf die Rennstrecke ausgerichtet (so wanderte der Tank z.B. von der Fahrzeugfront in die Seitenschweller) und beim Gewicht wurde der Wagen durch extremen Leichtbau und die Verwendung von Duraluminium um gut 300 Kilogramm auf 880 Kilo abgespeckt.  “Only the Good Die Young” sang Billy Joel in den 70ern und 20 Jahre vorher hatte schon James Dean seinen Ruhm mit einem frühen Abgang zementiert, mittendrin aber begründete der P400 Jota seinen eigenen Mythos, indem er nach einer verhältnismäßig kurzen -wenngleich intensiven - Karriere als Erprobungsträger einen fatalen Tod starb. Lamborghini hatte den Wagen mit 20.000 Testkilometern auf der Uhr zunächst an den Rennfahrer und Lamborghini-Händler (Lambocar) Marchese Gerino Gerini verkauft, der ihn für den Mailänder Playboy und Schuhfabrikanten Walter Ronchi erwarb und an diesen weiter veräußerte. Es ist nicht gesichert bekannt, ob Ronchi den Wagen überhaupt jemals bewegt hat,  jedenfalls bemühte sich nicht lange nach diesem Deal der Industrielle und Inhaber des nahmhaften Rennstalls Scuderia Brescia Corse, Dr. Alfredo Belponer, um das faszinierende Fahrzeug und beauftragte den Maserati, Ferrari, Rolls-Royce und eben Lamborghini Concessionario Italauto in Brescia mit dem Ankauf des Wagens. Der Inhaber des Unternehmens schließlich, der mäßig erfolgreiche Hobbyrennfahrer Enrico Pasolini, verschrottete das gute Stück auf einer “Probefahrt” (noch vor der Auslieferung an Belponer) so gründlich…

“We hit a manhole cover, decelerating at 220/230km/h. The car flew up and rolled several times. The car following us saw the Jota in the air. Wallace had warned me about lack of adhesion!” (siehe Moritatensaengers anfängliche Beschreibung zum Fahrverhalten des serienmäßigen Miura)

“We spent a few weeks in hospital and the wreck went back to Lamborghini who took the engine out and gave us a credit. [...] After that we sold Dr Belponer a new Miura SV, orange from memory.” (Zitate Miura-Register)

…, dass von dem Wagen zwar der Motor bei Lamborghini ausgebaut aber dann wegen irreparabler Schäden doch komplett eingestampft wurde. Nichts blieb von #5084 über, außer der Begehrlichkeiten weckende Mythos eines einzig- artigen Raubtiers auf Rädern.

Und das führt uns zurück (der Moritatensaenger könnte stundenlang abschweifen, bei diesem Thema ;-)) zu des Shahs burgunderrotem Schmuck- stück. Und zu Stefan Grundhoff und der Süddeutschen: Ganz ehrlich, man muss nicht jedes hier beschriebene Detail parat haben, als Laie sowieso nicht und wohl auch nicht als “Fach”journalist. Aber wenn man so viel über Autos schreibt wie Grundhoff (seit 2002 ist er allein in der Suchfunktion von Süddeutsche.de mit 59 Trefferseiten zum Thema Auto zu finden [7]), dann sollte man zumindest rudimentäre Kenntnisse mitbringen. Wer die nämlich als Autojournalist hätte, dem wäre schon beim ersten Blick auf die “Nase” des Schah-Miura aufgefallen, dass es sich hier um keinen serienmäßigen Lamborghini Miura (und auch keinen serienmäßigen Miura SV) handeln kann, dessen Gesicht u.a. von einklappbaren Scheinwerfen geprägt wird…

normal-lights

…, im Gegensatz zu den fix montierten und mit Plexiglas abgedeckten Leuchteinheiten über die der Schah Miura…und jetzt kommt die korrekte Bezeichnung…P400 SVJ verfügt:

svj-lights

Und das “J” in der Typenbezeichnung steht für das Vorbild, an das dieses Modell angelehnt wurden: den “J”ota, den Sie, lieber Leser hier gerade kennen gelernt haben. Weil das Vorbild aber immer - wie der Name schon sagt - vor dem Abbild existiert haben muss, der Jota aber erst 1970 entstand, kann die burgunderrote #4934 (mit Motor-Nr. 30685), also der von Grundhoff vorgestellte Miura, garnicht 1967 ausgeliefert worden sein. Über solche, für einen Journalisten bösen Patzer helfen auch so erfundene wie dümmliche Promi-Legendchen nicht hinweg…

“Den zweiten [Scheiben]Wischer ließ der Schah abmontieren. Schließlich brauchte er am Steuer des norditalienischen Stieres nur selbst den Durchblick zu behalten.”

… Denn selbstverständlich besaß #4934 als Sonderanfertigung nach Jota-Spezi- fikationen nie einen zweiten Scheibenwischer, noch war jemals solch einer vorgesehen. Dafür war der Wagen, wie der Jota, mit einem im Rennsport häufig verwendeten Single Wiper mit Parallelogrammführung ausgestattet. Und das hätte der Schreiberling mit einem Blick auf seine eigenen Bilder selbst feststellen können:

wischer1

Vom Scheibenwischer über den Renntankverschluß (oben im Bild in der Fronthaube erkennbar), die vollkommen offene Rennauspuffanlage, einem speziellen Sportfahrwerk bis hin zur aufwändigen Trockensumpf-Schmierung des Motors waren in den Lamborghini Miura SVJ, den sich der persische König also im Dezember 1971 nach St.Moritz liefern ließ, so viele Änderungen zur Serie verbaut, dass für den Wagen schließlich über 50%  des ohnehin nicht eben billigen Normalpreises als Aufschlag berechnet wurden. Was damals schlicht mehr als 105.000 DM gegenüber 70.000 DM bedeutete (Grundpreis des Miura SV, der sich damals auf etwa dem Niveau der Anschaffungskosten eines Mercedes 600 Pullman befand!!), oder in zeitgenössische automobile Hardware umgerechnet, den Gegenwert eines nagelneuen, satt ausgestatteten Mercedes 280 SE 3,5 Cabriolet

280-se-35-cabriolet

Als Aufpreis, damit wir uns verstanden haben. Angesichts dessen wirkt es ein wenig peinlich, wenn Stefan Grundhoff den ehemaligen Testfahrer behaupten lässt…

“Außen tief dunkelrot und innen mit weißem Leder ausgeschlagen. ‘Sonst ist der Wagen serienmäßig’, erklärt Balboni mit einem Lächeln, ‘es gab sonst keine Extras bei dem Wagen - nur die Klimaanlage.’”

…zumal ausgerechnet die Klimaanlage das Zubehör war, auf das der Schah bei seinem Jota-Derivat aus Gewichtsgründen (siehe Vorbild) verzichtete. Erkennen kann man eine werksseitig verbaute Klimaanlage in einem Miura übrigens an den drei Ausströmungsdüsen…

innenraum-4870

…, wie sie in einer Aufnahme des ganz oben bereits gezeigten Schah Miura SV #4870 zu erkennen sind. Es gibt glaubhafte Berichte, denen zu Folge bei heißem Motor nach scharfen Fahrten und bei hohen Außentemperaturen schon durchgeröstete Miura Beifahrer mit allerdings tiefgefrorenen Köpfen aus dem Wagen gezogen wurden. Nun, die Effizienz der Kaltluftverteilung in italienischen Straßensportwagen soll hier nicht Thema sein, dafür aber zum Abschluß die Motorleistung der Miura: Grundhoff schreibt in seinem Artikel…

“Die normalen Vier-Liter-Triebwerke der Miura-Modelle leisteten rund 350 PS. Valentino Balboni: ‘Dieser Miura sollte so rund 380 PS haben. Allemal genug.’”

Auch das ist nur bedingt richtig. Zwar unterlagen die Leistungsdaten jedes einzelnen gefertigten Miura in der Realität leichten produktionsbedingten Schwankungen gegenüber den Sollwerten, aber hier entsteht trotzdem ein falscher Eindruck. Erstens waren die Modelle Miura, Miura S und Miura SV keine zu selben Zeit lieferbaren unterschiedlichen Leistungsausführungen, sondern nacheinander produzierte, weiterentwickelte Modelle. Wenn Grundhoff also von einem “normalen” Miura schreibt, dann dürfte er nicht den Wagen der ersten Baureihe ins Feld führen, ausschließlich Miura genannt, der hatte nämlich tatsächlich 350 PS, sondern er müsste den zum Zeitpunkt der Auslieferung von #4934 als “normaler” Miura geltenden Typ aufführen, den Miura SV nämlich. Und der war von Hause aus mit 385 PS angegeben…

technische-daten

Der rubinrote Miura SVJ aus der SZ aber dürfte allein schon durch die offene Abgasanlage auf deutlich mehr PS gekommen sein, von der Leistungssteigerung durch die Verwendung besonderer Motorbauteile noch garnicht zu reden. Es dürfte sich der Schah bei seinem neuesten Spielzeug, einem “Straßenrennwagen”, nicht mit wesentlich weniger Leistung zufrieden gegeben haben, als sie ihm der ein halbes Jahr vorher ausgelieferte “komfortorientiertere” nachtblaue #4870 zur Verfügung stellte. Und der ist verlässlich überliefert mit 450 PS. Der Miura P400 SVJ dürfte demnach über mindestens 420 PS und nicht über derer nur dreihundertachtzig verfügen.

Ob Valentino Balboni das nun alles falsch erzählte und Stefan Grundhoff nur zu bequem war, die Angaben pflichtbewusst zu verifizieren, oder ob der Artikel in weiten Teilen ein aus den Fingern gesogenes Phantasieprodukt ist, das kann hier nicht abschließend geklärt werden. Tatsache aber ist, dass Süddeutsche.de und Süddeutsche in nahezu jedem Bereich, ob bei brisanter Nahostberichter- stattung oder bei unterhaltsamen Sachthemen, immer mehr auf niveaulosen Boulevard statt auf Qualität setzen. Und ob sich das für den Verlag wirtschaftlich bezahlt macht, das darf bezweifelt werden. Der Leser, der nach verlässlicher, seriöser Information sucht, das steht unzweifelhaft fest, zieht schon heute den Kürzeren.

Am Ende nun für die Autoinfizierten, die sich bis hierher durch die vielen Details gekämpft haben, eine kleine Belohnung in Form eines Clips der genialen Jungs von TopGear. 6 Minuten 44 Sekunden Lamborghini Miura:









Mit tönendem Gruß



Ihr Moritatensaenger



[1] http://www.sueddeutsche.de/auto/autoklassiker-lamborghini-miura-den-stier-beim-lenkrad-packen-1.991417

[2] http://www.imdb.com/name/nm0106387/bio

[3] http://www.mattmonro.com/biog.html

[4] http://www.theitalianjob.com/the_film_soundtrack.htm

[5] http://www.auto-motor-und-sport.de/service/lamborghini-miura-des-schahs-von-persien-unterwegs-im-lamborghini-des-schahs-1913778.html

[6] http://www.press-inform.de/index2.html

[7] http://suche.sueddeutsche.de/query/%22Stefan%20Grundhoff%22/sort/-news/page/1



“Der wahre Grund”

Vielleicht wundert sich der eine oder andere zusammen mit dem Moritatensaenger, warum die Informationen, die er in “Die Spendenbereitschaft der Deutschen bleibt jedoch gering” [1] zusammengetragen hat, nicht auch in der Süddeutschen gefunden hat. Interessant wären sie jedenfalls gewesen. Allerdings hätten sie wirklich ganz und gar nicht zu den Gründen gepasst, die von dort für die Spendenunlust der Deutschen präsentiert werden. Schließlich hat sich dort ein “Experte” schon zu diesem Thema geäußert: [2]

Der wahre Grund dafür, dass die Hilfe für Pakistan so zögernd anläuft, ist vielmehr der: Seit dem 11. September 2001 sind Europa und Teile Nordamerikas von flagranter Islamophobie erfasst. In einer neuen Umfrage wurde die Frage gestellt, was der erste Gedanke sei, der den Leuten in den Sinn komme, wenn sie das Wort “Islam” hören: Mehr als die Hälfte der Angesprochenen antwortete “Terrorismus”. Die Umfrage ist zwar in Großbritannien angestellt worden, doch ist bekannt, dass Briten, Franzosen, Deutsche, Holländer und Dänen ähnlich denken. Der Blick auf den Islam als das absolut “Andere” hat natürlich mit den Kriegen in Afghanistan und dem Irak zu tun. Die Haltung ist aber so falsch, wie der Antisemitismus es war, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts weithin florierte.

Die Islamophobie ist es also. Naja, gut, auch ein bisschen Kritik am pakistanischen Präsidenten, der nach Europa gereist und “in Birmingham eine unmögliche Ansprache” gehalten habe und, ja, wohl auch ein bisschen die Befürchtung, das Geld könnte eventuell gar nicht da ankommen, wo es hin soll, sondern über verschlungene Wege in ganz falsche Hände geraten.

Viele Pakistaner, mit denen ich in den vergangenen zwei Wochen gesprochen habe, wollen kein Geld geben, weil sie fürchten, dass ihre Spende doch nur in den Taschen der korrupten Herrscher landet.

Dennoch sei “der wahre Grund” die Islamophobie, ergo darf sich nun jeder, der noch nicht gespendet hat, zu den Islamophoben der Westlichen Welt zählen. - Eine Argumentation, die beinahe noch zynischer ist als das Zögern der pakistanischen Regierung, die einen Teil der dringend benötigte Hilfe, fünf Millionen Dollar, bis gestern abgelehnt hat - weil sie vom Erzfeind Indien angeboten wurde. [3]

Hauptmotive für die geringe Spendenbereitschaft sind vor allem persönliche finanzielle Gründe sowie Zweifel, dass die Spenden an der richtigen Stelle ankommen. Die aus Sicht der Befragten politische und kulturelle Distanz zu Pakistan sowie die grundsätzliche Ablehnung von Spenden sind weitere Gründe.

ist das Resultat der Umfrage, die Infratest dimap für das ARD Morgenmagazin durchgeführt hat und nach der 58 % der Deutschen überhaupt nicht für die Opfer der Überschwemmung spenden wollen.[4]

Einer jedoch weiß es besser: Ein

Grenzgänger zwischen islamischer und westlicher Welt

- Tariq Ali.



die-islamophopie-ist-der-wahre-grund



Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist allerdings noch eine weitere Begründung, die Tariq Ali liefert, in diesem Fall für die Anschläge vom 11. September 2001. In einem Interview mit der “Sozialistischen Zeitung”, einer Zeitung mit linkssozialistischer Ausrichtung und, wie Tariq Ali, trotzkistischer Tradition, das in Heft 20 vom 27.09.2001 (Seite 12) [von Verlinkung wurde abgesehen] veröffentlicht wurde. Darin Antwortete Tariq Ali auf die Frage

• Glauben Sie, dass dieser Angriff eine direkte Folge der internationalen Politik der USA gegen die moslemische Welt war?

Tariq Ali: Darüber gibt es keinen Zweifel. Viele Jahrzehnte lang haben die arabischen Völker die Folgen des US-amerikanischen und israelischen Staatsterrorismus am eigenen Leib erfahren. Die anhaltende Besetzung Palästinas, die Sanktionen und Bomben gegen den Irak, die Bombardierung einer Aspirinfabrik im Sudan — was war das alles, wenn nicht Staatsterrorismus?

Das hat Franziska Augstein, die Tariq Alis Beitrag übersetzt hat, sicher nur aus purem Versehen nicht miterwähnt. Und dennoch lassen derlei Ansichten doch leise Zweifel an der Unvoreingenommenheit dieses Kenners aufkommen, dessen “Gastbeitrag” noch nicht einmal als pure Meinungsäußerung gekennzeichnet war.

Ich meine schon, dass auch dieses Detail relevant gewesen wäre, wenn man schon mehr oder weniger direkt seinen Lesern vorwirft, dass sie die Menschen in Pakistan allein aus dem Grund verrecken lassen, weil diese dem Islam angehören.

Rufen Sie gerne zu Spenden auf, liebe SZ. Machen Sie die Katastrophe deutlich, unter der zwanzig Millionen Pakistaner leiden. Stellen Sie für Ihre Leser sicher, dass die Spenden dort ankommen, wo sie hinsollen. Machen Sie geeignete Organisationen ausfindig und geben diese bekannt.

Aber verschonen Sie uns mit solch schäbigem Zynismus und derart billigen Versuchen, Ihren Lesern über die Hintertür menschlichen Mitgefühls Ihre Ideologie unterzujubeln.





Jaspis





[1] http://www.suedwatch.de/blog/?p=4017
[2] http://www.sueddeutsche.de/politik/flut-in-pakistan-das-land-ertrinkt-der-praesident-verreist-1.989441
[3] http://www.tagesschau.de/ausland/pakistanhilfe112.html
[4] http://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundesweit/umfragen/aktuell/mehrheit-der-buerger-will-nicht-fuer-pakistan-spenden/




Ein mahnender Wink mit dem SZ-Zeigefinger [1]…



pakistan1



Und wirklich, vielleicht sollten wir - jeder von uns: der Moritatensaenger, Sie und auch die irgendwo 3 1/2 Tausend Mann/Frau starke SZ-Belegschaft - mehr Geld für die Ärmsten der armen Flutopfer Spenden. Wiewohl wir, die wir in Pakistan sonst nicht flächendeckend  beliebt sind…



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(Deutsche Fahne als Fußabstreifer in einer Moschee in Islamabad)




…, immerhin schon eine humanitäre Soforthilfe von 25 Millionen Euro aufgebracht haben. Gesamt-EU liegt der Betrag bei bis jetzt (aufgestockt) 140 Millionen Euro (Quelle SZ).

In unserer Spendenbereitschaft werden wir allerdings von denen übertroffen, die Pakistan am nächsten stehen [2]:

Der engste Verbündete Pakistans, die Volksrepublik China, stellte bis jetzt sage und schreibe weniger als 1,6 Millionen Euro (!) zur Verfügung. Und von den islamischen Bruderstaaten, deren Fahnen in Pakistan weder verbrannt noch als Fußabstreifer benutzt werden, war lediglich Kuwait bis jetzt bereit, die stolze Summe von 4 Millionen Euro zu spenden. Alle anderen, einschließlich des bei Waffenkäufen sonst so spendablen Irans und der anderen reichen Erdölländer, spendeten zum Teil wesentlich weniger. Nun hat Saudi Arabien einen Schritt nach vorne getan und enorme 16 Millionen Euro locker gemacht. Das ist zwar geringfügig weniger als die 1 Milliarde Dollar die man für das Kingdom Centre gespendet hat [3] und auch weniger, als die 319 Millionen Dollar, die Prinz Al Waleed Bin Talal für seinen neuen Airbus A380 (Kaufpreis nackt, ohne Einrichtung) aufzubringen bereit war [4], aber bei den Vereinten Nationen hofft man, dass durch diese großzügige Geste auch die Spendenbereitschaft der anderen Islam-Staaten erhöht wird.

Die Informationen aus dem letzten Absatz finden Sie allerdings nicht im Artikel der Süddeutschen, dort beschränkt man sich darauf, das schlechte Gewissen der Deutschen wegen deren geringer Spendenbereitschaft zu stärken.



Mit tönendem Gruß



Ihr Moritatensaenger



[1] http://www.sueddeutsche.de/panorama/flutkatastrophe-in-pakistan-ein-tsunami-in-zeitlupe-1.990422

[2] http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2010/08/18/AR2010081806622.html

[3] http://en.wikipedia.org/wiki/Kingdom_Centre

[4] http://gulfnews.com/business/aviation/saudi-prince-buys-a380-as-private-jet-1.78199



Aus gegebenem Anlass

Im Grunde ist der Artikel [1]

der-kopftuchzwang

so albern, seine Aussage so trivial wie verkehrt, dass man ihn gar nicht erwähnen sollte.

Von wegen Befreiung: Warum Highheels noch lange kein Zeichen für Emanzipation sind und das Kopftuch nicht unbedingt die Unterdrückung der Frau bedeutet.

führt Ingrid Thurner darin aus und

Alle möglichen gesellschaftlichen Gruppen sind angetreten, in paternalistischer Manier muslimische Frauen aus ihrer Unterdrückung und ihrer Verhüllung freizukämpfen: Rechtspopulistische Politiker, Boulevardblätter, Feministinnen, Sozialdemokratinnen, erzkonservative Katholiken, Ex-Muslime. Es eint sie der Glaube, Musliminnen seien unterjocht von ihrer Religion und von ihren Männern. Sie sind sich auch darin einig, die Kopfbedeckung nicht deswegen abzulehnen, weil sie ein religiöses Symbol sei. Die weibliche Verhüllung wird vorgeblich verdammt, weil sie ein Instrument der Unterdrückung der Frau sei.

Fast wäre man versucht, den Umkehrschluss zu ziehen und weibliche Nacktheit als Symbol weiblicher Freiheit zu deuten. Aber welchen Zwängen unterwerfen sich nicht konform-westlich denkende Frauen für den Auftritt in der Öffentlichkeit? Hohe Absätze, hautenge Jeans, frieren in der Kälte, ein Leben lang hungern, alles um den Körper vorzeigbar zu machen, dazu ständige Kontrolle, ob die Haarsträhnen richtig liegen, ob der Busen richtig steht, ob die Träger sitzen.

Und überhaupt zeige “dieser ganze Islam- und Verhüllungsdiskurs”

Die Muslimin wird dringend benötigt, nämlich zur Verhüllung des Dilemmas, dass in dieser aufgeklärten Zeit Frauen zwar beinahe nackt herumlaufen dürfen, aber sonst wie eh und je wenig zu entscheiden haben. Keine Verschleierung, keine Unterdrückung, nein, so ist das offensichtlich nicht.

denn schließlich:

So sehr verschieden von islamischen Gegebenheiten ist das nicht. Führungspositionen, Vorstandsetagen und Lehrstühle besetzen vornehmlich Männer, und für die gleiche Arbeit erhalten Frauen weniger Lohn.

Dieses aus hanebüchenem Unfug zusammengebastelte Kartenhaus bricht bereits mit der simplen Frage zusammen, was - wenn denn schon kein Unterschied bestehe - einer Frau wohl passiert, wenn sie in der einen “Kultur” ihr Kopftuch nicht aufsetzt und in der anderen flache Schuhe anzieht und ihren Schlabberpulli um die vielleicht schon etwas expandierten Hüften zieht.



Der Grund, warum ich diesen Artikel heute, beinahe zwei Monate nach seinem Erscheinen, doch noch erwähne, ist die Frage unseres Lesers “Roderick” zu des Moritatensaengers jüngsten Artikel “Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.” [2]

Welchen Zweck hat die Erwähnung der Herkunft

fragte er da und vermutlich nicht nur er. Warum ist es wichtig zu wissen, ob die Täter einer Massenvergewaltigung eventuell Migrationshintergrund haben und womöglich aus türkischen / afghanischen Familien mit islamischer Tradition stammen? Das “riecht” doch nach unverhohlenem Ausländerhass. Nach der Suche nach einem Anlass, um gegen Ausländer zu poltern, um gegen sie Stimmung zu machen, um Rechtsextremisten dazu zu veranlassen, ihnen Gewalt anzutun oder Behörden, um möglichst keine Migranten mehr in Deutschland zu tolerieren. Es klingt nach ewig Vorgestrigen, die den Wandel unserer Bevölkerungsstruktur nicht begreifen wollen.

Abgesehen von der Frage, was, bei konsequenter Fortsetzung dieses Gedankens, dann beispielsweise die Angabe “katholischer Geistlicher” bei einem Fall von Kindsmissbrauch verloren hat, wenn derlei Hinweise doch nicht erwähnt werden sollen, geht es bei der Berichterstattung - bei wohlgemerkt sachlicher Berichterstattung - nicht darum, Stimmung zu machen. Es geht um den Informationsauftrag, der Moritatensaenger hat sich dazu bereits ausführlich geäußert. Und es geht darum, weitere Straftaten dieser Art zu vermeiden. Wenn sich der geneigte Leser Gedanken darüber macht, wie aus einem Jugendlichen ein so Wütender werden kann, dass er in seiner Rage dem bereits am Boden liegenden Dominik Brunner mit beschuhtem Fuß gegen den Kopf tritt, dann macht er das schließlich auch nicht, um in einem nächsten Schritt sämtliche Jugendlichen prophylaktisch zu inhaftieren oder des Landes zu verweisen. Sondern er macht das (günstigstenfalls), um möglicherweise eigene Erziehungsfehler zu vermeiden.

Der Fall der Massenvergewaltigung der 18-jährigen Frau in Gersthofen lässt keinen auch nur halbwegs mitfühlenden Menschen kalt. Sofern das Interesse aber nicht nur auf reiner Sensationsgier mit einem Schuss pornographischem Geifer beruht, sollte man schon auch diese Tat ein wenig hinterfragen. Ob das Verhalten der Täter möglicherweise mit ihren häuslichen Traditionen zu tun haben könnte. - Und zwar nicht, um den Tätern eine perfekte Entschuldigung an die Hand zu geben, etwa in der Art, sie seien eben selbst “Opfer der Umstände” - sondern um zum Beispiel das zu tun, was Seyran Ates mit ihrem Buch [3] macht, das ihr bereits kurz nach dessen Erscheinen Morddrohungen eingehandelt hat, nämlich zu fordern:

“Der Islam braucht eine sexuelle Revolution”

Das Kopftuch, dieses niedliche modische Accessoire, das schon unsere oberbayerische, urkatholische Großmutter mit Selbstverständlichkeit getragen hat, ist mittlerweile Symbol eines gestörten Verhältnisses zur Sexualität. Frauen sollen ihre Haare bedecken - nicht, damit sie dadurch ihre Persönlichkeit frei entfalten können (eine Logik, die wirklich nicht recht einleuchten will) - sondern, um den Männern kein zu großer sexueller Reiz zu sein.

Das Kopftuch, ein Symbol der Freiheit? Das erscheint mir dann doch ein wenig weit hergeholt. Für mich ist das Kopftuch eindeutig ein Symbol der Unterordnung der Frau unter den Mann, also das Gegenteil von Freiheit. Denn erst durch die Verhüllung wird die Frau zum Sexualobjekt degradiert: Sie muss sich verstecken, um vor den Blicken lüsterner Männer sicher zu sein. Dass genau dies der Hauptgrund für das Kopftuchgebot ist, kann man auch aus offiziellen muslimischen Publikationen ableiten. Der Frankfurter Imam Hadyatullah Hübsch beantwortet die Frage “Warum tragen muslimische Frauen ein Kopftuch oder einen Schleier?” folgendermaßen: “[Die muslimische Frau] möchte durch die Bedeckung ihrer Schönheit, die vor allem auch in ihren Haaren liegt, also kund tun, dass sie kein Interesse an Flirts hat und keine Beziehungen zu fremden Männern haben möchte, in denen Sexualität eine Rolle spielt. Die Muslimin, die ein Kopftuch oder einen Schleier trägt, wendet sich somit bewusst ab von allem, was ihre Reinheit beeinträchtigen könnte. (…) Ihr Anblick hat somit meistens für Männer die Funktion einer Bremse, so dass sie ihre Augen nicht mehr wild umherschweifen lassen, auf der Suche nach einem sexuellen Kick.”

Kein Wunder, dass die negative Schlussfolgerung daraus für manch hormongesteuerten jungen Mann mit entsprechender traditioneller Prägung bedeutet, dass eine Frau, die kein Kopftuch trägt, eben durchaus zeigt, dass sie Interesse an Flirts und mehr hat, was nicht selten die Bezeichnung “Hure” für unverschleierte, unbekopftuchte und womöglich - gerade beim nächtlichen Discobesuch - eher sehr freizügig gekleideten Frauen einträgt. Mitsamt der dazugehörigen Verachtung und der Ansicht, es handle sich bei ihnen um “Freiwild”, bei dem man sich nur bedienen muss.

Ob das im vorliegenden Fall so war - wir wissen es nicht und werden es wohl auch aus der SZ nicht erfahren. Sie verschont ihre Leser mit Details und Hintergrundinformationen - und nimmt ihnen damit auch die Möglichkeit, wirklich aktiv an der Integration der Zuwanderer mitzuwirken, indem sie ihnen aufzeigen, dass die Menschen herzlich willkommen sind, derartige “Traditionen” aber keinen Platz in unserer Kultur haben, zumal sie schließlich auch nicht zwingender Bestandteil ihrer Religionsausübung sind.



Es gibt Probleme, die lösen sich ganz einfach nicht von selbst, indem man sie entweder verharmlost oder auch einfach nur so tut, als gebe es sie nicht.





Jaspis





[1] http://www.sueddeutsche.de/kultur/feminismus-kopftuchdebatte-der-nackte-zwang-1.963023
[2] http://www.suedwatch.de/blog/?p=3958
[3] Seyran Ates: Der Islam braucht eine sexuelle Revolution, Verlag Ullstein

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